300’000 neue Stellen, und trotzdem wird es schwieriger: Was der Schweizer Arbeitsmarkt 2026 wirklich sagt

Anfang Juli hat SRF eine Bilanz gezogen, die auf den ersten Blick beruhigend klingt. Das Bundesamt für Statistik hat die Entwicklung des Schweizer Arbeitsmarkts über die letzten fünf Jahre untersucht, vom vierten Quartal 2020 bis zum vierten Quartal 2025. Das Ergebnis: rund 300’000 neue Stellen. In der Schweiz arbeiten so viele Menschen wie nie zuvor, 5.4 Millionen Erwerbstätige.
Wer nur die Schlagzeile liest, könnte meinen, es sei ein guter Moment, um auf Stellensuche zu sein.
Wer die Daten dahinter liest, sieht ein anderes Bild. Und für Führungskräfte in beruflicher Neuorientierung ist genau dieses zweite Bild das relevante.
Das Jobwunder verliert an Glanz
Die gleiche BFS-Auswertung zeigt: Das Wachstum hat sich innerhalb der fünf Jahre deutlich verlangsamt. Der Arbeitsmarkt hat an Dynamik verloren. 2022 gab es in der Schweiz noch 123’000 offene Stellen. Ende 2025 waren es noch 86’000, mit weiter sinkender Tendenz. Das ist ein Rückgang von rund 30 Prozent innerhalb von drei Jahren.
Gleichzeitig steigt die Arbeitslosigkeit. Im Mai waren 140’000 Personen bei den regionalen Arbeitsvermittlungszentren gemeldet, fast zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Die Unternehmen kämpfen mit globalen Unsicherheiten, und mit der künstlichen Intelligenz verändert sich das Berufsbild in vielen Branchen. Die Folge, so SRF: Die Unternehmen sind in der Rekrutierung zurückhaltender geworden.
Für Stellensuchende bedeutet diese Kombination etwas sehr Konkretes: mehr Menschen konkurrieren um weniger ausgeschriebene Positionen. Der Markt ist nicht eingebrochen. Aber er ist selektiver geworden, und zwar spürbar.
Ein Markt mit zwei Geschwindigkeiten
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis aus den Daten ist die Verschiebung der Nachfrage. Laut der Universität Zürich hat sich der Fachkräftemangel etwas entschärft, aber nicht gleichmässig. Gefragt sind Fachkräfte im Gesundheits-, Bau- und Technikbereich. Rückläufig ist die Nachfrage hingegen in Büro-, Informatik- und Finanzberufen.
Das verdient einen Moment der Aufmerksamkeit. Die Bereiche mit sinkender Nachfrage, Büro, Informatik, Finanzen, sind genau die Bereiche, in denen viele Führungskräfte und Senior Manager ihre Karrieren aufgebaut haben. Der Schweizer Arbeitsmarkt wächst dort, wo operative und personalintensive Arbeit gebraucht wird, und kühlt dort ab, wo klassische Kaderlaufbahnen zu Hause sind.
Für unsere Klientinnen und Klienten heisst das: Die Gesamtzahlen des Arbeitsmarkts sagen wenig über die eigene Situation aus. Wer aus einer Finanz- oder Informatikfunktion kommt, bewegt sich in einem Segment, das sich anders verhält als die Schlagzeile suggeriert. Die 300’000 neuen Stellen sind real. Sie sind nur mehrheitlich nicht dort entstanden, wo erfahrene Führungskräfte suchen.
Was die Zahlen für den verdeckten Markt bedeuten
Wenn die Zahl der ausgeschriebenen Stellen um 30 Prozent sinkt, während die Zahl der Suchenden steigt, verschärft sich eine Dynamik, über die wir in diesem Brief regelmässig schreiben: Der sichtbare Markt wird enger, und der verdeckte Markt wird wichtiger.
Auf Führungsebene war die öffentliche Ausschreibung schon immer eher der letzte Schritt eines Besetzungsprozesses als der erste. In einem Umfeld, in dem Unternehmen zurückhaltender rekrutieren, verstärkt sich das. Positionen werden intern besetzt, über Netzwerke vergeben oder gar nicht erst geschaffen, bis der richtige Kandidat bereits bekannt ist. Wer seine Suche auf Stelleninserate stützt, konkurriert um einen schrumpfenden Ausschnitt des Marktes, mit wachsender Konkurrenz.
Die praktische Konsequenz ist dieselbe, die wir mit unseren Klientinnen und Klienten täglich erarbeiten: Die Richtigen 100 sind in diesem Marktumfeld kein optionales Instrument, sondern der Hauptkanal. Sichtbarkeit, Klarheit der Positionierung und gepflegte Beziehungen entscheiden darüber, ob man von Möglichkeiten erfährt, bevor sie ausgeschrieben werden, oder ob man erst dann eintritt, wenn die Entscheidung faktisch schon gefallen ist.
Die demografische Konstante hinter den Schwankungen
Bei aller Abkühlung lohnt sich der Blick auf die strukturelle Ebene. Ein wesentlicher Treiber der Stellenschaffung der letzten Jahre waren die Pensionierungen der Babyboomer-Generation, und dieser Effekt hält an. Die Zahl der ausländischen Erwerbspersonen stieg in fünf Jahren um 15 Prozent auf zwei Millionen, während die Zahl der schweizerischen Erwerbspersonen praktisch stagnierte. Ohne Einbürgerungen wäre sie sogar gesunken.
Das bestätigt, was wir in unserem Grass Brief zur focus50plus-Studie beschrieben haben: Die Schweiz verliert in den nächsten zehn Jahren rund 400’000 Arbeitskräfte mehr an die Pensionierung, als neu in den Markt eintreten. Die aktuelle Zurückhaltung der Unternehmen ist konjunkturell. Der Arbeitskräftemangel ist strukturell. Beides ist gleichzeitig wahr.
Für erfahrene Führungskräfte ist das eine wichtige Einordnung. Die momentane Marktphase ist anspruchsvoll, aber sie ist eine Phase. Die demografische Realität dahinter arbeitet mittelfristig für alle, die Erfahrung, Netzwerke und Urteilsvermögen mitbringen, vorausgesetzt, sie bleiben sichtbar und relevant, bis sich die Nachfrage wieder normalisiert.
Ein Detail am Rande, das keines ist
Die Reallöhne sind 2025 um 1.6 Prozent gestiegen, der grösste Zuwachs seit 2009. Und die Teilzeitarbeit bei Männern hat innerhalb von fünf Jahren um drei Prozentpunkte zugenommen.
Beides sind Signale eines Arbeitsmarkts, der sich nicht nur quantitativ, sondern qualitativ verändert. Flexible Modelle werden normaler, auch für Männer in fortgeschrittenen Karrierephasen. Für Führungskräfte im Übergang öffnet das Spielräume, die es vor zehn Jahren kaum gab: Teilzeitmandate, Interimsrollen, Portfoliokarrieren. Wer die eigene Suche ausschliesslich auf die klassische Vollzeitfestanstellung ausrichtet, ignoriert einen wachsenden Teil des tatsächlichen Marktes.
Was wir daraus mitnehmen
Die Fünfjahresbilanz des BFS erzählt zwei Geschichten gleichzeitig. Die erste: Der Schweizer Arbeitsmarkt ist fundamental gesund, beschäftigt so viele Menschen wie nie und wird demografisch auf Jahre hinaus Erfahrung brauchen. Die zweite: Die unmittelbare Marktphase ist die anspruchsvollste seit der Pandemie, mit weniger Ausschreibungen, mehr Suchenden und zurückhaltenden Unternehmen, besonders in den Berufsfeldern, in denen Führungskräfte traditionell zu Hause sind.
Wer beide Geschichten kennt, sucht anders. Nicht panischer, aber gezielter. Weniger über Inserate, mehr über Beziehungen. Weniger in der Breite, mehr mit klarer Positionierung. Und mit dem Wissen, dass die aktuelle Zurückhaltung des Marktes nichts über den eigenen Wert aussagt, sondern über den Zeitpunkt.
Der Markt ist nicht geschlossen. Er ist wählerischer geworden. Die Antwort darauf ist nicht mehr Aktivität, sondern mehr Präzision.
Bei Grass & Partner begleiten wir Führungskräfte und Senior Manager durch berufliche Übergänge, mit besonderem Fokus darauf, Erfahrung sichtbar, relevant und wertgeschätzt zu machen. Wenn Sie oder jemand in Ihrem Netzwerk eine berufliche Neuorientierung durchläuft, sind wir gerne für Sie da.
Kontakt aufnehmenQuellen: SRF News, «300’000 neue Stellen, Jobwunder nach Corona verblasst langsam», 4. Juli 2026; Bundesamt für Statistik, Erwerbstätigenstatistik und Beschäftigungsstatistik, Q4 2020 bis Q4 2025; Universität Zürich, Daten zum Fachkräftemangel; BFS, Lohnentwicklung 2025; focus50plus / Alixio Group Schweiz, «Arbeitskräfte 60plus im Fokus der Unternehmen», 2026; Schweizerische Nationalbank, Employment Outlook, Juli 2025.