Fünf Prozent: Der sichtbare Führungsmarkt, endlich in Zahlen

Letzte Woche haben wir gefragt, ob sich der Markt dreht: Die offenen Stellen steigen wieder, die Einstellungsabsichten hellen sich auf. Die naheliegende Reaktion vieler Stellensuchender darauf ist, wieder mehr Bewerbungen zu schreiben. Bevor Sie das tun, lohnt sich ein Blick auf eine Zahl, die zeigt, wo diese Erholung überhaupt sichtbar wird, und wo nicht.
Seit dem allerersten Grass Brief vertreten wir eine These: Die Mehrheit der Führungspositionen in der Schweiz wird nie öffentlich ausgeschrieben, und wer seine Suche auf Inserate stützt, sucht im kleinsten Teil des Marktes. Wir haben diese These aus der Praxis begründet, aus der Funktionsweise von Executive Search, aus Hunderten begleiteter Transitionen.
Jetzt können wir sie erstmals mit einer harten Schweizer Zahl unterlegen.
Was der Jobradar zählt
Die x28 AG betreibt spezialisierte Webcrawler, die sämtliche Stellenanzeigen direkt auf den Websites von Schweizer Arbeitgebern und Personaldienstleistern erfassen, nicht nur auf den grossen Plattformen, sondern flächendeckend. Der daraus entstehende Jobradar ist damit eine der vollständigsten Vermessungen des sichtbaren Schweizer Stellenmarkts.
Die Zahlen für das zweite Quartal 2026: Von insgesamt rund 250’000 erfassten Stellenanzeigen richteten sich 12’418 an Führungskräfte. Im ersten Quartal waren es 12’932, die Tendenz zeigt also leicht nach unten.
Rechnen wir das aus: Rund fünf Prozent aller sichtbaren Stellenanzeigen in der Schweiz betreffen Führungspositionen. Fünf von hundert. Und dieser Anteil umfasst Führungsverantwortung jeder Stufe, vom Teamleiter im Detailhandel bis zur Geschäftsleitung. Das Segment, in dem sich die Leserinnen und Leser dieses Briefs typischerweise bewegen, Senior Management, Geschäftsleitung, Verwaltungsrat, ist eine Teilmenge dieser Teilmenge.
Was diese Zahl bedeutet, und was nicht
Zunächst die ehrliche Einordnung. Inserate sind nicht dasselbe wie Besetzungen: Positionen werden auch ohne Ausschreibung besetzt, und nicht jedes Inserat führt zu einer Einstellung. Die Kategorie «Führungskräfte» ist breiter gefasst als das, was dieser Brief unter Seniorlevel versteht. Und ein einzelnes Quartal ist eine Momentaufnahme.
Aber genau deshalb ist die Zahl so aufschlussreich. Sie beschreibt die Obergrenze des sichtbaren Marktes. Selbst wenn Sie jedes einzelne der 12’418 Inserate eines Quartals lesen würden, hätten Sie den kleineren Teil der tatsächlichen Bewegung auf Führungsebene gesehen. Die Fünfjahresbilanz des BFS zählte allein für die letzten fünf Jahre rund 300’000 neu entstandene Stellen, und die Babyboomer-Pensionierungswelle setzt Jahr für Jahr Führungspositionen frei, von denen die meisten intern, über Netzwerke oder über Suchmandate besetzt werden, lange bevor ein Inserat entstünde.
Dazu kommt die Konkurrenzdichte im sichtbaren Segment. Wie wir mehrfach berichtet haben, sind die Bewerbungen pro Inserat um bis zu 50 Prozent gestiegen. Fünf Prozent der Inserate, belagert von einem wachsenden Anteil der Suchenden: Das ist die Arithmetik hinter der Erfahrung, die viele unserer Klientinnen und Klienten machen, bevor sie zu uns kommen. Achtzig Bewerbungen, drei Antworten, null Gespräche. Nicht weil ihr Profil schwach wäre. Sondern weil sie im engsten Korridor des Marktes anstehen.
Die Arithmetik des verdeckten Marktes
Drehen wir die Rechnung um. Wenn der sichtbare Führungsmarkt fünf Prozent der Inserate umfasst und selbst davon nur ein Bruchteil das Seniorsegment betrifft, dann findet die grosse Mehrheit der relevanten Bewegung woanders statt: in internen Nachfolgen, in Suchmandaten, die nie publiziert werden, in Gesprächen, die einer Vakanz vorausgehen, und in Positionen, die für eine überzeugende Person geschaffen werden.
Dieser Teil des Marktes hat keine Suchmaske. Er hat auch keinen Bewerbungsknopf. Sein Zugangsweg sind Menschen: die ehemaligen Kollegen mit Einstellungsverantwortung, die Verwaltungsratsmitglieder, die vertrauten Headhunter, die Branchenkontakte, die von einer Veränderung wissen, bevor sie offiziell wird. Genau dafür existiert die Methode der Richtigen 100, mit der wir arbeiten: eine kuratierte Gruppe von hundert Menschen, systematisch gepflegt, statt tausend Kontakte, die eine Datenbank bleiben.
Die Fünf-Prozent-Zahl beantwortet auch die Frage, die sich nach der letzten Woche aufdrängt: «Der Markt dreht, soll ich jetzt wieder mehr Bewerbungen schreiben?» Die Antwort ist ja, selektiv. Ein passendes Inserat ist eine echte Gelegenheit, und die 12’418 sind nicht null. Aber die Gewichtung der eigenen Zeit sollte die Gewichtung des Marktes spiegeln. Wer achtzig Prozent seiner Suchzeit in fünf Prozent des Marktes investiert, hat die Proportionen umgekehrt. Und wenn die Erholung kommt, kommt sie zuerst dort an, wo Positionen ohne Inserat besetzt werden: bei den Menschen, die ohnehin im Gespräch waren.

Was der Jobradar sonst noch zeigt
Ein Nebenbefund verdient Erwähnung, weil er unsere bisherige Berichterstattung bestätigt. Die Branchen mit den meisten Inseraten im zweiten Quartal: das Gesundheitswesen an erster Stelle, mit steigender Tendenz, gefolgt vom Baugewerbe und dem Detailhandel. Die Verschiebung der sichtbaren Nachfrage weg von Büro-, IT- und Finanzberufen, die wir im Senior-Paradox und in der Marktbilanz beschrieben haben, zeigt sich auch in dieser unabhängigen Datenquelle.
Für Führungskräfte aus den klassischen Kaderfeldern bedeutet das: Der sichtbare Markt ist nicht nur klein, er ist auch dort am kleinsten, wo die meisten von ihnen herkommen. Ein Grund mehr, den Hauptkanal ernst zu nehmen.
Die Schlussfolgerung
Wir haben den verdeckten Stellenmarkt in diesem Brief oft als Praxiserfahrung beschrieben. Jetzt lässt er sich als Rechnung darstellen: Rund 250’000 sichtbare Inserate pro Quartal, davon fünf Prozent mit Führungsverantwortung, davon ein Bruchteil auf Seniorlevel, umkämpft von einer wachsenden Zahl von Bewerbenden. Alles andere, der grössere Teil des Marktes, bewegt sich durch Beziehungen.
Die Konsequenz ist keine neue. Aber sie hat jetzt eine Zahl: Wer nur den sichtbaren Markt bearbeitet, konkurriert um fünf Prozent. Wer seine hundert Menschen pflegt, hat Zugang zum Rest.
Bei Grass & Partner begleiten wir Führungskräfte und Senior Manager durch berufliche Übergänge, mit besonderem Fokus darauf, Erfahrung sichtbar, relevant und wertgeschätzt zu machen. Grass & Partner ist Mitglied des Netzwerks focus50plus, das sich für die Integration und den Erhalt erfahrener Arbeitskräfte im Schweizer Arbeitsmarkt einsetzt. Wenn Sie oder jemand in Ihrem Netzwerk eine berufliche Neuorientierung durchläuft, sind wir gerne für Sie da.
Kontakt aufnehmenQuellen: x28 AG, Schweizer Jobradar, 2. Quartal 2026 (rund 250’000 erfasste Stellenanzeigen, davon 12’418 für Führungskräfte; 1. Quartal: 12’932; Branchenspitze: Gesundheitswesen, Baugewerbe, Detailhandel); BFS, Beschäftigungsbarometer Q2 2026 und Fünfjahresbilanz Arbeitsmarkt (rund 300’000 neue Stellen 2020 bis 2025); JobCloud, Q2 2026 Arbeitsmarkt-Update (Bewerbungen pro Inserat bis zu +50 %); Grass Brief Archiv: Die Wende?, Die Richtigen 100, Senior-Paradox, 300’000 neue Stellen.