Die Wende? Was die neuen Beschäftigungszahlen wirklich signalisieren

Seit über einem Jahr erzählen wir in diesem Brief eine konsistente Geschichte über den Schweizer Arbeitsmarkt: Rekordbeschäftigung, aber ein enger werdender sichtbarer Markt. Offene Stellen von 123’000 auf 86’000 gefallen. Bewerbungen pro Inserat um bis zu 50 Prozent gestiegen. Unternehmen zurückhaltend, Prozesse langsam, Stellensuchende über 230’000.
Ende August hat das Bundesamt für Statistik neue Zahlen publiziert. Und zum ersten Mal seit langem erzählen sie eine etwas andere Geschichte.
Was das Beschäftigungsbarometer zeigt
Das BFS-Beschäftigungsbarometer vom 27. August zeichnet das Bild des zweiten Quartals 2026. Die Beschäftigung stieg gegenüber dem Vorjahr um 111’800 Stellen oder 2,0 Prozent auf 5,698 Millionen Beschäftigte. Auf Vollzeitäquivalente umgerechnet wuchs das Volumen um 1,9 Prozent. Saisonbereinigt lag die Beschäftigung 0,5 Prozent über dem Vorquartal. Den grössten Zuwachs verzeichnete der Dienstleistungssektor mit einem Plus von 2,2 Prozent innert Jahresfrist.
Die für Stellensuchende interessanteste Zahl steht aber weiter hinten im Datensatz: Die gemeldeten offenen Stellen sind auf 98’700 gestiegen. Zur Einordnung: Ende 2025 lag dieser Wert noch bei 86’000, nach einem dreijährigen Sinkflug vom Höchststand bei 123’000. Der Rückgang, über den wir im Juli geschrieben haben, hat nicht nur gestoppt. Er hat sich, zumindest in diesem Quartal, umgekehrt.
Und die Absichten zeigen in dieselbe Richtung: 11,3 Prozent der befragten Unternehmen kündigten für die kurze Frist einen Stellenaufbau an. Nur 3,9 Prozent rechneten mit einem Abbau. Das deckt sich mit dem KOF-Beschäftigungsindikator, der für das dritte Quartal auf 2,1 Punkte gestiegen ist: Mehr Schweizer Unternehmen planen aufzubauen als abzubauen.
Warum wir das Fragezeichen im Titel ernst meinen
Bevor jemand die Korken knallen lässt: Wir haben in diesem Brief eine Haltung zu selbstbewussten Schlagzeilen entwickelt, und sie gilt auch für gute Nachrichten.
Ein Quartal ist kein Trend. Die KOF erwartet für 2026 weiterhin eine Arbeitslosenquote von rund 3,2 Prozent und nur etwa 1 Prozent Wirtschaftswachstum. Die geopolitische Unsicherheit ist nicht verschwunden. Die Zahl der registrierten Stellensuchenden bleibt hoch, und die Verschiebung der Nachfrage, die wir im Senior-Paradox und in der ETH-Analyse beschrieben haben, weg von Routine-Büroarbeit, hin zu Gesundheit, Bau, Technik und Urteilsvermögen, läuft weiter, unabhängig von der Konjunktur.
Es gibt auch einen messtechnischen Vorbehalt: «Gemeldete offene Stellen» und die Inseratezählungen privater Anbieter messen nicht exakt dasselbe, und einzelne Quartalswerte schwanken. Die ehrliche Zusammenfassung lautet: Die Abwärtsbewegung des sichtbaren Marktes ist zum Stillstand gekommen, mit ersten Anzeichen einer Umkehr, in einem Umfeld, das anspruchsvoll bleibt.
Aber genau diese vorsichtige Formulierung enthält für Menschen in Transition eine wichtige Information. Denn Übergänge werden nicht in Durchschnittsmärkten navigiert, sondern in Wendephasen. Und Wendephasen haben eigene Regeln.

Was eine frühe Wendephase für Ihre Suche bedeutet
Erstens: Eingefrorene Positionen tauen zuerst. Der typische erste Schritt eines Unternehmens, das wieder Zuversicht fasst, ist nicht das neue Inserat. Es ist die Reaktivierung der Besetzung, die im Frühjahr «pausiert» wurde. Diese Reaktivierungen erscheinen selten öffentlich. Sie gehen an die Kandidatinnen und Kandidaten, die im Prozess waren, und an die, die der Entscheidungsträger ohnehin im Kopf hat. Wenn Sie in den letzten Monaten in einem Prozess standen, der eingefroren wurde: Jetzt ist der Moment für eine kurze, unaufgeregte Nachfrage. Nicht als Bittsteller, sondern als professionelle Standortbestimmung.
Zweitens: Die Frühphase einer Wende belohnt Sichtbarkeit überproportional. Wenn die Nachfrage anzieht, bevor es alle gemerkt haben, ist die Konkurrenz um die ersten neuen Mandate noch die Konkurrenz des alten, vorsichtigen Marktes. Die Kandidaten, die während der Flaute sichtbar geblieben sind, deren Richtige 100 warm sind, deren Positionierung steht, werden zuerst angerufen. Wer erst reagiert, wenn die Wende in den Schlagzeilen steht, trifft auf die Konkurrenz der Wende.
Drittens: Die Selektivität bleibt. Ein Markt mit 98’700 offenen Stellen und weiterhin hoher Bewerberzahl ist kein Kandidatenmarkt. Unternehmen stellen wieder mehr ein, aber sie stellen genau ein. Die Anforderungen an Klarheit der Positionierung, an belegtes Urteilsvermögen und an eine saubere Transitionserzählung sinken nicht. Sie entscheiden nur wieder häufiger über tatsächliche Angebote statt über Absagen.
Und viertens, für diejenigen, die in den letzten Monaten an sich gezweifelt haben: Wenn sich der Markt dreht, ändert sich Ihre Erfolgsquote, ohne dass sich Ihr Wert geändert hat. Das ist dieselbe Logik, die wir bei den 7,3 Monaten beschrieben haben, nur in die andere Richtung. Der Markt setzt die Bedingungen. Er urteilt nicht über Personen.
Die Einordnung
Die strukturelle Geschichte dieses Briefs bleibt unverändert: Die Demografie arbeitet mittelfristig für erfahrene Fachkräfte, die Nachfrage verschiebt sich zur Urteilsebene, und der verdeckte Markt bleibt der Hauptkanal. Neu ist: Die konjunkturelle Schicht darüber, die das letzte Jahr so zäh gemacht hat, zeigt erste Anzeichen von Entspannung.
Wir werden die Zahlen der kommenden Quartale mit derselben Nüchternheit lesen wie diese. Aber wenn Sie diesen Herbst mitten in einer Suche stehen, ist die praktische Botschaft dieser Woche einfach: Die Tür, gegen die Sie seit Monaten drücken, gibt möglicherweise gerade nach. Das wäre der falscheste Moment, um mit dem Drücken aufzuhören.
Bei Grass & Partner begleiten wir Führungskräfte und Senior Manager durch berufliche Übergänge, mit besonderem Fokus darauf, Erfahrung sichtbar, relevant und wertgeschätzt zu machen. Grass & Partner ist Mitglied des Netzwerks focus50plus, das sich für die Integration und den Erhalt erfahrener Arbeitskräfte im Schweizer Arbeitsmarkt einsetzt. Wenn Sie oder jemand in Ihrem Netzwerk eine berufliche Neuorientierung durchläuft, sind wir gerne für Sie da.
Kontakt aufnehmenQuellen: BFS, Beschäftigungsbarometer 2. Quartal 2026, publiziert 27. August 2026 (Beschäftigung 5,698 Mio., +111’800 bzw. +2,0 % gegenüber Vorjahr; VZÄ +1,9 %; saisonbereinigt +0,5 % zum Vorquartal; gemeldete offene Stellen 98’700; Beschäftigungsaussichten: 11,3 % Aufbau vs. 3,9 % Abbau); KOF, Beschäftigungsindikator Q3 2026 (2,1 Punkte) und Konjunkturprognose 2026 (Arbeitslosenquote ~3,2 %, Wachstum ~1 %); BFS/SRF, Fünfjahresbilanz (offene Stellen 123’000 → 86’000 bis Ende 2025); SECO, «Die Lage auf dem Arbeitsmarkt», 2026; Grass Brief Archiv: 300’000 neue Stellen, Senior-Paradox, First Inning, 7,3 Monate.